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Fernsehgelder und Bundesliga

26. November 2020

Aus dem Leben: Mathematikunterricht in der Mittelstufe. Die Lehrerin fragt: „Gegeben ist folgende Situation: Eine Gewerkschaft verlangt bei Lohnver­handlungen für ihre Mitglieder 3,5 Prozent, mindestens aber 100 €. Warum wohl?“
Lösung: Damit möchte man moderat dem ‚Die Reichen werden immer reicher.’ oder, volkstümlicher, dem ‚Der Teufel scheißt immer auf den großen Haufen.’ entgegenwirken.

 

Aus der Fußballwelt: In den letzten 20 Jahren wurde in Deutschland die Verteilung der Fernsehgelder verändert. Bekam früher der Erfolgreichste der Bundesliga etwas mehr als das Doppelte des Tabellenletzten, so erhält er heute mehr als das Vierfache. Fortsetzung folgt, denn mit so deutlich viel mehr Geld haben diese Profimannschaften (hier steht absichtlich nicht ‚Vereine’) auch in der kommenden Saison viel bessere Möglichkeiten als die schon im Vorfeld abgeschlagene Konkurrenz. Deswegen ist auch seit Jahren der Wettbewerb nur am unteren Ende der Tabelle spannend, weil die Frage „Wer steigt ab?“ viel interessanter ist als schon wieder derselbe Meister.

 

Deswegen entwickeln Vereine gelegentlich absurd anmutende Ausgliederung­sideen, um an (Investoren-)Geld zu kommen und damit den Klassenerhalt oder den Aufstieg zu finanzieren. Darum ist die 50+1-Regel auch immer wieder aufs Neue ein Thema und das, obwohl andere Clubs zeigen, dass Geld ‚von außen’ keinen sportlichen Erfolg garantiert. Ein worst-case-Szenario könnte also so aussehen, dass ein Verein durch Ausgliederung die Position seiner Mitglieder schwächt, einen Teil der Fans damit verprellt und mit dem dadurch erhaltenen Geld die kurz- und mittelfristig gesetzten Ziele nicht erreicht. Und dann?

Wer ein Reförmchen wagt, wird systematisch abgestraft!
 

Als Supporters haben wir uns über die Vereinsstimme gefreut, die sich zusammen mit weiteren Erst- und Zweitligisten für eine andere Verteilung der Fernsehgelder stark macht. Vorstand und Verein lehnen sich sonst eher selten so weit aus dem Fenster. Klar ist, dass dem Vorschlag, das Geld komplett gleich zu verteilen, so niemals nachgegeben wird. Tatsächlich aber ist die Idee, nicht nur die Leistungen eines Clubs, sondern die Attraktivität der Liga finanziell zu belohnen einer näheren Betrachtung wert.

 

Auch wenn derzeit nur 16% der Einnahmen direkt an Spieltagen über Eintritts­gelder generiert werden, kann man aktuell erleben, um wieviel weniger attraktiv eine Fernsehübertragung ohne Zuschauer ist. Ob die regelmäßigen Stadion­besucher und Fans in die Stadien zurückkehren werden, weiß noch niemand. Würde dann zusätzlich der Wettbewerb (noch) langweiliger, wäre die Zeit der ausverkauften Stadien vorbei und in der Folge würden auch die Einnahmen aus der medialen Verwertung niedriger.

 

Zu Beginn der Corona-Pandemie überraschten uns Vereinsvertreter mit Äußerungen über Demut und Solidarität, sogar ein gewisser Reformwille schien erkennbar und wir Fans dachten uns, dass auch ein großes Übel noch zu etwas gut sein könne.
Ein Dreivierteljahr später ist, vor allem bei den größeren Clubs, nur noch wenig davon zu hören, aus Angst, dass ‚Solidarität‘ heißen könnte, dass man zukünftig einen kleineren Teil vom (Geld-)Kuchen bekäme.

 

Beim Stichwort „Neuverteilung der Gelder“ geraten viele in eine gedankliche Falle: Im allgemeinen spricht man schon von Verlust, wenn der Gewinn nicht steigt wie im Vorjahr (das ist Unfug, was bestimmt jedem klar ist, der darüber nachdenkt). Es geht auch nicht, wie in der ‚Frankfurter Rundschau’ behauptet, um eine „Geldumverteilung von oben nach unten“, sondern um eine andere Verteilung der zukünftigen Einnahmen. Diese Missverständnisse sind aber vermutlich der Grund für den Vorstandsvorsitzenden der Bayern München AG, sich mit aufmüpfigen (aus seiner Sicht) oder einfallsreichen (aus neutraler oder Fansicht) Vereinsvertretern gar nicht erst austauschen zu wollen. Das Verhalten erinnert an kleine Kinder, die sich die Augen zuhalten und sagen „Such mich!“. Hier: „Wenn du mir nicht sagen kannst, was ich nicht hören will, dann gibt es diesen Gedanken gar nicht.“ Die gerade im DFL-Präsidium vertretenen mehrheitlich kleinen Vereine haben jetzt die Chance, sich für eine neue Aufteilung der Medienerlöse zu entscheiden und sollten sich diese Möglichkeit nicht zugunsten der Größten nehmen lassen.

 

Von einer Stärkung des nationalen Wettbewerbs würden die Münchner und die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA auch profitieren. Aber wer bei ‚Profit’ immer nur an Geld denkt und am liebsten an das eigene, dem fehlt das Verständnis für das große Ganze. So spricht der BVB-Geschäftsführer von „Zugpferden der Liga“ ohne sich Gedanken darüber zu machen, was die Gäule in naher und vor allem ferner Zukunft eigentlich ziehen sollen, wenn der Wettbewerb in Deutschland sich weiter entwickelt wie bisher. Wer sich selbst als ‚global player’ darstellt, klingt, als würde er die Bundesliga mitnehmen, weil er den nationalen nur für den internationalen Wettbewerb braucht. So gesehen gäbe es natürlich keinen Grund, irgend etwas zu verändern. Ganz anders sieht es am anderen Ende der Ligatabelle aus. Dort sind die Aufsteiger aus der Zweiten Bundesliga – auch, vielleicht sogar vor allem, mangels finanzieller Ressourcen – so gut wie immer die Vereine, die schon zu Beginn der Saison als sichere Absteiger getippt werden und das nicht grundlos.

 

An dieser Stelle wäre ein Blick nach England gut, wo der Tabellenerste nicht einmal das Doppelte des Geldes des Tabellenletzten bekommt. Aber auf die Premier League guckt man von München aus nur, wenn man mit albernen Argumenten die 50+1-Regel abschaffen will.

 

Fußballfans sind Romantiker und Fußballmärchen gibt es in Deutschland immer seltener. Wenn es in der Bundesliga nur noch um Geld und fast gar nicht mehr um Sport geht, dann werden sie sich etwas anderem zuwenden. Das kann im guten Fall die zweite Mannschaft des Vereins oder eine seiner Jugendmannschaften sein, im für die Liga nicht ganz so guten Fall der Ober- oder Verbandsligist in der Nähe. Im ungünstigsten Fall aber verliert der Fußball seine Fans oder zumindest einen Teil von ihnen.

 

Und spätestens jetzt ist ein Narhallamarsch für unseren Vorstand fällig – unsere Torschützen bekommen ja auch immer einen.

 

Für eine andere und bessere Fernsehgelderverteilung im deutschen Fußball!

 

PS: Apropos Fernsehen und jetzt mal nicht ‚Geld’: Die DFB-Pokalspiele, die frei übertragen werden, sind Holstein Kiel vs. FC Bayern München und Eintracht Braunschweig vs. Borussia Dortmund und das sind sicher nicht die interessantesten.
Na sowas.


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